Berlin ist ein Mekka für Streetart-Fans: zahlreiche Künstler sind in der City aktiv und Graffitis und Paste-ups entwickeln sich zu einem wichtigen Zubringer der Toursimusbranche. Unter den Aktivisten befinden sich bekannte und respektierte, jedoch auch einige, auf die die Szene nicht gut zu sprechen ist. Und dann sind da noch die Verrückten, die kein Risiko und keinen Aufwand scheuen.

Um einen Einblick in die Streetart-Szene zu erhalten, haben wir uns für eine geführte Tour entschieden. Unser Tourguide bestätigt den wachsenden Stellenwert der urbanen Kunst: Die Streetart-Tour sei die beliebteste und am häufigsten gebuchte. Wir sind auf die Werke einer ganzen Reihe verschiedener Künstler gestossen:

Sobr’s tanzende Frauen

Sobr heisst der französische Künstler, der sich einen Namen mit seinen Paste-ups von tanzenden Frauen gemacht hat. Diese fotografiert er (mit deren Einwilligung), während sie sich völlig in der Musik verlieren, überträgt das Bild auf seine Aufzieh-Plakate und kleistert diese an die Mauern der Stadt. Mittlerweile ist seine Bekanntheit gestiegen und man findet die Werke auch in anderen Städten.

Bildquelle: Pinterest, Niri N

Der schicke Sp38

Der gebürtige Franzose lebt schon seit Mitte der 90er Jahre in Berlin und bringt dort sowie in vielen anderen Städten der Welt seine Poster mit ironischen und kritischen Botschaften an. Dass er dabei im gehobenen und teuren Berlin Mitte logiert, aber antikapitalistische Botschaften verbreitet, daran scheiden sich die Geister.

Bildquelle: Instagram, Sp.38

Die gregorianischen Gesichter

Gregor heisst der Mann, welcher Abbilder seines Gesichts herstellt und diese in Berlin an die Wände pflastert. Diese Gips- oder Mörtelanfertigungen zeigen ihn, wie er jeweils eine starke Emotion zum Ausdruck bringt. Es ist sein Geheimnis, wie er seine flennende, schmerzverzerrte oder lachende Visage so gut befestigt, dass sie vereinzelt jahrelang haften. Gregor ist jedoch umstritten, schreckt er doch nicht davor zurück, seine Fratze auch mitten auf bewilligte Projekte oder gar auf Auftragsarbeiten anzubringen. Dies ist eine ungeschriebene Regel in der Streetart-Szene. Wer sie bricht, verliert seinen Streetcredit.

Thomas Baumgärtl und die Baumgärtl Bananas

Der Kölner hat Kunst und Psychologie studiert und begann irgendwann in den 80er Jahren damit, Bananen an die Wände von interessanten kleinen Kunst-Gallerien zu sprayen. Inzwischen hat er über 4‘000 Gallerien auf der ganzen Welt mit seinen Bananen versehen, diese ist zu einem Maskottchen in der Streetart- und Kunstszene geworden und auch grosse Gellerien reissen sich darum, eine Baumgärtlsche Banane an der Eingangspforte tragen zu dürfen.

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Josef Foos und die Korkman Yogis

Yogalehrer Foos begann 2009, kleine Männchen aus Korkzapfen herzustellen und sie auf Strassenschildern anzubringen. Die kleinen Korkmännchen, alle in Yoga-Positionen, erlangten ab 2011 eine grössere Bekanntheit und sind heute über ganz Berlin verbreitet und beliebt.

Xoooox, der Banksy von Berlin

Genau wie Banksy kennt kaum jemand Xoooox’ wahre Identität. Er ist der erste deutsche Strassenkünstler, dessen Werke auf dem internationalen Markt gehandelt werden und der damit ein ordentliches Einkommen erwirtschaftet. Seine Freihandfähigkeiten seien miserabel, sagt er selber von sich, deshalb hat er beispielsweise Bilder von Models als Basis für gewisse Arbeiten herangezogen. Die einen finden es grossartig, die anderen sehen darin einen Bruch mit ungeschriebenen Regeln. Das ändert nichts daran, dass sich Xoooox einen Namen in der Szene gemacht hat.

Gunther’s goldene Stolpersteine

Dieses Projekt ist eindrücklich. Der Künstler Gunther Demnig fertigt Klopfsteinpflaster-Steine an, die eine Messingtafel auf der Oberseite tragen. Von Hand stanzt er Namen, Jahrgang und Todestag von Opfern des Nationalsozialismus in diese Tafeln ein und bringt die Steine vor dem letzten bekannten Wohnort der jeweiligen Person an. Mittlerweile sind rund 60’000 von Gunthers Stolpersteinen in 20 europäischen Ländern zu finden (Stand Februar 2017). Gemäss der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist es somit das grösste dezentrale Mahnmal der Welt.

Die Olympioniken von 1UP

Seit 2003 sind die Sprayer von 1UP in Berlin aktiv. Ihre Werke zieren inzwischen Wände, Hausdächer und Tunnels auf der ganzen Welt. «Wäre Graffitti eine olympische Disziplin, 1UP würde die Goldmedaille halten», sagt Graffitti-Expertin und Fotografin Luna Park zur Huffington Post. In atemberaubender Geschwindigkeit und unglaublichem Ausmass bomben und shitten One United Power Berliner Beton.

Bildquelle: Instragram, 1UP official

Die Überfrischen

Nicht weniger eindrücklich sind die Vasallen von Überfresh. Ihr Markenzeichen ist die verschlungene Schrift. Um ihre riesigen vertikalen Schriftzüge an die Hauswände anzubringen, steigen die Überfrischen in den Klettergurt und seilen sich der Wand entlang ab. Ein solches Werk kann sich auch mal über zehn Stockwerke hinziehen. Sie schrecken auch nicht davor zurück, mehrmals an den selben Spot zurückzukehren, bis die ganze Hauswand veredelt und das Werk vollendet ist.

Bildquelle: Instagram, graffpatrol

Wenn an einem Morgen Graffittis wie «1ÜP» oder «ÜF1UP» auf den Dächern über Berlin Kreuzberg zu finden sind, so haben sich die beiden grössten Sprayergangs der Hauptstadt in der vergangenen Nacht wieder einmal zusammengetan.