Nicht weniger als Europas Schicksal wurde in Berlin entschieden. Hitler orchestrierte von hier aus den Aufbau des dritten Reiches, während er die Metropole zur Welthauptstadt Germania ausbauen wollte, schliesslich den Krieg verlor und Deutschland vor langen Jahren der eisernen Ost-West-Trennung stand. Die Berliner Mauer bekam in diesem Schauspiel der Nachkriegszeit die traurige Hauptrolle.

Etwas über dreieinhalb Meter türmt sich die kahle und mit Sprayereien übersäte Betonmauer vor uns auf, Element für Element. Entlang ihrer Oberkante wurde ein Betonrohr installiert, welches genau jenen ungünstigen Durchmesser hat, dass sich ein Kletterer nicht daran festhalten kann. Die Mauer – hier kannst du Zeitgeschichte berühren.

Die Mauer und die Todeszone

An der Bernaustrasse befindet sich seit 1998 die Gedenkstätte Berliner Mauer. Hier stehen Teile der Mauer noch; genauer gesagt, der Grenzmauer. Also der letzten Hürde, bevor man als DDR-Flüchtling den Westen erreicht hätte. Doch das war zwischen 1961, als der Mauerbau über Nacht begann und ihrem Fall im Jahre 1989 praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. Der Grenzbereich bestand nämlich aus einer inneren Mauer, gefolgt von der „Todeszone“ mit Alarmzaun, Wachsoldaten und –hunden, Nagelbrettern, Minen und Selbstschussanlagen und schliesslich der hohen Grenzmauer. An der Gedenkstätte wurde ein Abschnitt dieses Grenzbereiches mit all diesen Elementen belassen/rekonstruiert. Es fröstelte mir, als ich die innere Mauer erklommen habe und sich vor mir die Todeszone mit dem breiten, fein säuberlich gerächten Sandstreifen ausbreitete. Wäre ich irgendwann in den Achtzigern hier hinaufgeklettert, wäre ich womöglich erschossen worden.

Nur wenig später stand ich am Ende eines Abschnittes der Originalmauer und war mit nur einem Schritt auf der anderen Seite. Etwas, was fast dreissig Jahre lang der innigste Wunsch von so vielen Menschen gewesen sein muss, deren Leben von dieser Mauer zerschnitten wurde. Und für mich ist es nur ein einziger Schritt. Dieser Gedanke zog mich völlig in seinen Bann.

Topographie des Terrors und Holocaust Mahnmal

Wir besuchten das Holocaust Mahnmal früh am Morgen, noch vor sieben Uhr. Es lag Hochnebel über Berlin, das Logo der Deutschen Bahn auf dem Bahntower in der Ferne verschwand zur Hälfte in Nebelschleiern, keine Touristen. 2‘711 grosse und unbeschriftete Betonstelen reihen sich hier aneinander und bilden eine riesiges Meer mit einer unebenen, wellenartigen Oberfläche. Die 2005 eröffnete Stätte soll den Besucherinnen und Besuchern ganz bewusst Raum für die eigene Interpretation lassen. Die Stelen erinnern aber offensichtlich an Grabsteine, die wellenartige Oberfläche soll angelehnt sein an ein polnisches Massengrab, wo sich der Boden wölbte ob der grossen Zahl an begrabenen Opfern.

Nicht weit entfernt befindet sich die Ausstellung „Topographie des Terrors“. In etwas über einer Stunde führt ein Audioguide durch die fünfteilige Installation und erklärt, was an diesem schicksalsbehafteten Ort geschah. Unter den Füssen der Besuchenden ruhen nämlich noch die Fundamente der ehemaligen Hauptquartiere der Schutzstaffel SS, der Geheimen Staatspolizei GeStaPo und des Reichssicherheitshauptamtes. Topographie des Terrors gibt einen packenden Einblick in die Entstehung und Entwicklung der systematischen Verfolgung ganzer Völkergruppen.

Ein billiger Hauch Manhattan am Checkpoint Charlie

Nur eine Strasse weiter findet man den bekannten Checkpoint Charlie. Es war zur Zeit der Trennung der wohl bekannteste Übergang vom Osten in den Westen und Schauplatz des gewaltigen Panzer-stand-offs von 1961, bei dem es um ein Haar zum nächsten Krieg gekommen wäre. Heute ist es einfach nur ein Abturner. An der Kreuzung Friedrich- und Zimmerstrasse wurde ein nachgebautes Wärterhäuschen auf die Mittelinsel gequetscht, links und rechts schiebt sich der Verkehr vorbei, Leute mit Kameras und Handys huschen zwischen den hupenden Autos umher. Vor dem Wärterhäuschen stehen zwei als US-Soldiers verkleidete Touristen-animatoren, die Stimmung machen und für Fotos posieren. Diese Strassenperformance und Föteliunterhaltung erinnert mich stark an Manhatten, wo die bekannten Plätze wie der Times Square voll sind mit solchen lustigen Sachen. Das wird der Tragweite der Dinge, die hier passiert sind, in keinster Weise gereicht. Ich nutze eines der Cafés für eine schnelle Pinkelpause und einen kurzen Videoshot des Treibens und wir machen uns vom Acker.