Das ist die Geschichte einer Motorradfahrt. Eine Fahrt, die ich mein Leben lang nicht mehr vergessen werde.

Es sei der letzte nicht asphaltierte Strassenabschnitt auf der Insel, liess uns Huong, unser Airbnb-Host, vorgängig wissen. Die Strecke sei ziemlich anspruchsvoll zu fahren. Gemeint waren die letzten acht Kilometer bis zum Haus. Weder ich noch Barbara hatten diesen Hinweis wirklich wahrgenommen und wurden bei der Ankunft vor vollendete Tatsachen gestellt. Die Naturstrasse hatte unter den Monsunschauern gelitten und war übersät von tiefen, matschgefüllten Schlaglöchern. Wo der sandige, lehmige Boden besonders weich war, haben die Lastwagen tiefe Furchen gezogen, die links und rechts von Matschwällen gesäumt waren und sich komplett mit Schlamm gefüllt hatten. Zu zweit und mit zwei grossen Rucksäcken auf einem einzelnen Roller fügten wir uns dem Schicksal und begannen die Odyssee aus Slalom und Hochkonzentrations-Balanceakt. Ich orientierte mich an den Motorradspuren der Einheimischen, die die Schlaglöcher gekonnt vermieden. Mit viel Fahrkunst und Geduld schafften wir es denn auch.

Wie Ko Samui vor 30 Jahren

Weil unser Miethaus in Sachen Lage und Charme schlicht ein Traum war, entschieden wir uns zu bleiben und uns mit der der Strasse abzufinden. In den kommenden drei Tagen wurde ich immer besser im Fahren und senkte unsere Bestzeit von über 50 auf 36 Minuten. Also genossen wir die drei Tage auf der Insel, besichtigten das Foltergefängnis, tauchten vor der Westküste, badeten im Meer und fuhren die acht Kilometer hin und zurück. Der Regen aber blieb, der Zustand der Strasse verschlechterte sich. Mir schwante, was uns erwarten würden, wenn der Regen nicht nachlassen würde. Phu Quoc sei wie Ko Samui vor 30 Jahren, lese ich in verschiedenen Reiseberichten. Es sei noch authentisch, noch nicht überlaufen. Doch auch in Vietnam wächst der Tourismus stetig; kaum jemand, dem wir auf unserer Reise begegnet sind, hatte Phu Quoc nicht als Station eingeplant. Einst muss die Insel voll von diesen rötlichen, staubigen Pisten gewesen sein. Bald wird es sie nicht mehr geben. Doch Staub war nicht unser Problem. Es war der Regen.

Die Fahrt durch den Monsun

Er hatte nicht nachgelassen. In der letzten Nacht vor dem Abflug regnete es durchgehend. Die ganze Nacht lang lag ich schlaflos da, hörte den Regen auf das Dach prasseln und bereitete mich mental auf die anstehende Aufgabe vor. Um 04:00 klingelte schliesslich der Wecker und wir traten kurz darauf hinaus in den strömenden Regen. Ein Monsungewitter brach gerade über Phu Quoc herein, Blitz und Donner schnitten in die schwarze Nacht. Machtlos sattelten wir das Motorrad mit den beiden Rucksäcken und stiegen auf. Meine Hände und Arme verkrampften sich, als wir aus der Ausfahrt und auf die Schlammpiste einbogen. Es war noch schlimmer, als ich es mir ausgemalt hatte. Die Strasse war in einem desolaten Zustand. Der Regen nahm weiter zu, der Lichtkegel des Rollers schien eine Wand aus Wasser anzustrahlen. Unter dem Gewicht von zwei Passagieren samt Gepäck schlug die Hinterradfederung bei jedem Schlagloch hart auf, ich hörte den Unterboden über das nasse Gestein kratzen. Wir waren augenblicklich klitschnass. Darauf waren wir aber vorbereitet und trugen nur kurze Hosen und T-Shirt, die trockenen Kleider waren im Rucksack griffbereit. Immer wieder blitzte die Umgebung taghell auf und ich versuchte sofort, das Bild des weiteren Strassenverlaufs abzuspeichern, bevor ein wuchtiger Donner durch das Regenrauschen brach. So muss sich Krieg anfühlen, dachte ich. Die Räder gruben sich hilflos durch den völlig durchtränkten Schlamm, die kleinste Neigung des Bodens reichte aus und das Gefährt driftete ab. Ich balancierte so gut es ging, verlor aber mehrmals das Gleichgewicht und musste uns mit den nackten Füssen im weichen Matsch auffangen, dass der Schlamm zwischen den Zehen hervorquoll und ich bis zu den Knien völlig verdreckt war. Schuhe trug ich keine – sie wären sofort im Matsch stecken geblieben. Es blieb uns nichts Anderes übrig, als wieder und wieder in die wassergefüllten Lastwagenfurchen hinein zu fahren, ohne zu wissen, wie der Untergrund beschaffen war. An den besonders tiefen Stellen schwappte das Wasser bis über das Vorderlicht, welches sich geschätzte 60 Zentimeter über Boden befand. Vom Auspuff war nur noch ein Blubbern zu hören. Ich betete innerlich, dass wir das heil überstehen.

Nach über einer Stunde und 15 Minuten erreichen wir den Asphalt. Ich hätte absteigen und ihn küssen können! Wir schenkten den komischen Blicken am Flughafen keine Beachtung, zogen uns auf den Toiletten um, tranken einen Kaffee und flogen nach Saigon, um das Finale unseres Vietnamtrips anzutreten. Wir haben sie noch erlebt, die letzte Naturstrasse auf Phu Quoc. Diese Motorradfahrt war völlig abgefahren, so abgefahren, dass sie sich surreal anfühlt. So abgefahren, dass sie uns bis ans Ende der Tage in Erinnerung bleiben wird.