In einer zweitägigen Tour sind wir auf der Via Alpina von Altdorf über den historischen Surenenpass nach Engelberg gewandert. Die Nacht haben wir auf der Passhöhe im Zelt bei Regen und Gewitter verbracht. Dankbar für die warmen Sonnenstrahlen und unter dem wachsamen Blick eines Murmeltieres bauten wir das Zelt am nächsten Morgen ab und wanderten inmitten eines phänomenalen Alpenpanoramas hinunter Richtung Engelberg.

Die Via Alpina ist die Mutter aller Schweizer Wanderrouten. Sie führt von Vaduz durch sechs Kantone und über 14 Alpenpässe bis nach Montreux. Der Streckenabschnitt von Altdorf nach Engelberg stellt die siebte von insgesamt zwanzig Etappen dar. Seit Jahrtausenden wird der Surenenpass von den Völkern in der Region begangen und unter seinem stummen Blick wurde auch schon um Grenzverläufe gekämpft. Ein Bericht in vier Kapiteln:

  • Zuerst die Arbeit dann das Vergnügen – von Attinghausen hinauf auf’s Brüsti
  • Auf schmalem Grat zum Pass – Vom Brüsti hinauf auf die Passhöhe
  • Gewitternacht im Zelt und Murmeltier zum Frühstück – Outdoor-Übernachtung auf der Passhöhe
  • Im Anblick des Titlis Richtung Engelberg – von der Passhöhe hinunter nach Engelberg

Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen

Attinghausen ist auf dem dem Boden des Urner Reusstals auf beschaulichen 450 m.ü.M gelegen. Von hier aus führt uns die Route in einem steilen Zickzack hinauf zum Brüsti und fordert so in den ersten zweieinhalb Wanderstunden gleich 1’000 Höhenmeter ab. Der Aufstieg ist hart, die Temperatur liegt bei 28° und wir trinken mehrere Liter Wasser aus unserem Vorrat und verschiedenen Brunnen entlang des Weges. Immer wieder drehen wir uns um und blicken hinunter, raus auf den Urnersee oder hinüber ins gegenüberliegende Schächental. Langsam werden die Gebäude im Tal immer kleiner und kleiner. Auf dem Brüsti angekommen, kehren im Berggasthaus Z’Graggen ein und stärken uns mit Risotto und einem einmalig leckeren Speck-Kartoffel-Bohnen-Eintopf.

Der Blick über das Urner Reusstal während des Aufstieges von Attinghausen hinauf zum Brüsti.

Auf schmalem Grat hinauf zum Pass

Während der erste Aufstieg erbarmungslos streng und nur mässig spannend war, wird die Route ab jetzt deutlich interessanter. Sie steigt weiter an und führt uns hindurch durch eine Felsformation namens Chräienhöreli – einem schmalen Pfad mit viel Schiefergestein entlang eines Felskammes, an dessen beiden Seiten das Gelände steil abfällt. Der Wanderpfad ist mit Stufen, Ketten und Seilen aber bestens ausgearbeitet und lässt sich sicher durchqueren.

Der Pfad durch’s Chräienhöreli nimmt abenteuerliche Züge an.
Immer wieder begegnen wir Schiefergestein.

Mehr oder weniger während der gesamten Wanderung vom Brüsti bis hinauf auf die Passhöhe haben wir unser Tagesziel – den Surenenenpass – in der Ferne im Blick. Wir wissen, dass irgendwann im Verlaufe des Abends das Wetter «kehren» wird, wie man im Schweizerdeutschen so schön sagt. Bereits am Nachmittag machten sich die Vorboten des Wetterumschwunges bemerkbar, das Blau am Himmel verschwand und eine dichter werdende Wolkendecke breitete sich aus. Immer wieder brach die Sonne jedoch durch und zauberte wunderschöne Lichtspiele auf die saftig grünen Berghänge.

Sonnenstrahlen fallen hinunter auf die Ostflanke des Eggenmanndli und lassen die Bergweiden in einem wunderschönen Elfengrün leuchten. Der Surenenpass – die am tiefsten gelegene Stelle des Bergkammes – ist rechts im Bild zu sehen.

Über Alpweiden zieht sich der Weg weiter in Richtung Passhöhe und folgt dabei einem Grat. Kontinuierlich machen wir einen Höhenmeter nach dem anderen und knacken mit dem Angistock schliesslich die 2’000er-Grenze. Hoch über uns stemmen sich die Felsnadeln des Brunnistock und des Gitschenhöreli in die Höhe. Lautlos schleichen Nebelschwaden dem Fels entlang – es könnte die Kulisse eines mächtigen Fantasyfilms sein.

Vom Angistock hat man einen guten Blick auf den letzten Streckenabschnitt: das Geröllfeld Lang Schnee und den dahinter liegenden Pass. Der alte Pfad führte direkt durch das Geröllfeld, die neue Route führt an dessen Fuss entlang und ist sicherer.
Wir wandern am Fusse von mächtigen Felsformationen.

Für einen kurzen Moment sind wir verführt, dem direkten Pfad durch das vor uns liegende Geröllfeld zu folgen. Der offizielle Weg weicht dem Feld jedoch aus und führt unterhalb über einige kleine, ganzjährige Schneefelder. In den Hängen sehen wir Steinböcke mit ihren imposanten Hörnern auf der Suche nach Fressbarem. Sie lassen sich von uns nicht aus der Ruhe bringen. Vor uns liegt nun der letzte Anstieg, der von unten nach nicht viel aussieht, sich aber nochmals überraschend hinzieht, bis wir schliesslich auf knapp 2’300 m.ü.M. auf der Passhöhe ankommen.

Von der Passhöhe geniessen wir die Aussicht, bspw. auf den direkt neben uns liegende Blackenstock mit fas 3’000 Metern.

Gewitternacht im Zelt und Murmeltier zum Frühstück

Ich hatte auf der Schweizmobil App bereits mögliche Spots für das Zelt lokalisiert. Das wichtigste Kriterium ist, dass der Platz keine Schräglage aufweisen darf. Das zweitwichtigste: Das Zelt muss sich ausserhalb des Blickfeldes von möglichen Passanten befinden. Ich campiere draussen am liebsten unbeobachtet und spurlos. Gleich hinter dem Pass befinden sich einige kleine Seen, rund herum ruhen in der Wiese imposante Felsbrocken, die einst unter gewaltigem Tosen heruntergedonnert sein müssen. Wir suchen uns einen ebenen, geschützten Platz, stellen das Zelt, blasen die Liegematten auf und kriechen erschöpft in die Schlafsäcke. Mit 1’800 Höhenmetern und zwölf Streckenkilometern in den Beinen machen wir uns gierig über das Brot und Fleisch her und geniessen den Schlummertrunk, den wir uns im Berggasthaus Z’Graggen besorgt hatten. Wir schauen noch einige Zeit den Schafen und Kühen an den Hängen zu und legen uns schliesslich Schlafen. Just in jenem Moment, als ich den Reisverschluss des Einganges zuzog, fielen die ersten Regentropfen und mit einem fernen Grollen kündigte sich ein Gewitter an.

Obwohl das Zelt bereits fast zehn Jahre auf dem Buckel hat, hält es auch heute noch absolut dicht. Es ist eine Konstruktion, die nur eine einzige Zeltstange für den Aufbau benötigt und verpackt gerade mal 1.6 kg auf die Waage bringt. Optimal für Wandertouren im Gebirge.

Der Regen legte schnell an zu und ein veritables Gewitter baute sich über uns auf. Taghelle Blitze entluden sich, gefolgt von gewaltigem Donnergrollen, das lange zwischen den Felswänden nachhallten und mit viel Bass brach, sodass der Untergrund vibrierte. Laut prasselte der Regen auf das Zelt hernieder und ich kontrollierte regelmässig, ob sich Wasser unter dem Zelt zu sammeln begann. Barbara schlief schon längst und irgendwann holte die Erschöpfung auch mich ein, als das Gewitter nachliess und der Regen zu einem einschläfernden, gleichmässigen Rauschen wurde.

Um 04:00 Uhr klingelte der Wecker und ich begab mich nach draussen, um einige Nachtaufnahmen vom Zelt zu machen. Leider war der Himmel bedeckt. Eine Stunde später war ich wieder in der Wärme und ein zweiter Regenschauer zog über uns hinweg.

Warm stieg an jenem Sonntagmorgen die Sonne über dem Felskamm hinter uns auf. Neugierig traten die Kühe an unser Zelt heran und auf einer Hügelspitze in der Nähe hatte sich ein Murmeltier im Wachdienst aufgestellt und beäugte und kritisch. Wir bauten das Zelt ab, liessen es vor dem Verpacken kurz abtropfen und begaben uns schliesslich zurück auf den Wanderweg hinunter Richtung Engelberg.

Im Anblick des Titlis Richtung Engelberg

Zufrieden trotten wir talwärts und schon bald begegnen uns die ersten Wanderer, die vom Engelbergertal her kommend zum Surenen unterwegs sind. Genau vor uns ragt der Titlis zwischen den Wolkenschwaden empor., wir begegnen mehreren Murmeltieren. Auf der Blackenalp, nach rund 400 Meter Abstieg, kehrten wir für den Morgenkaffee in ein Bergbeizli ein, warfen einen Blick in die kleine Kapelle und ziehen weiter. Mehr und Mehr Wolken ziehen auf und verwandeln das an sich schon grossartige Panorama in eine unwirklich wirkende, mystische Szenerie.

Wolken umhüllen den mächtigen Titlis.
Chli und Gross Spannort werden mehr und mehr von Wolken eingehüllt. Die Sonne zeichnet einen HALO an den milchigen Himmel.

Am Stäuber Waserfall trennt sich der Weg. Die eine Route führt dem Stierenbach entlang hinunter ins Tal, die andere folgt dem Hang führt zur Fürenalp. Wir entschliessen uns für die Fürenalp und bleiben noch etwas in der Höhe. Die Wolkendecke hat sich inzwischen komplett geschlossen. Wir durchqueren die kleine Alpsiedlung Ebnet und müssen danach nochmals einen kurzen Aufstieg meistern. Die Bergstation Fürenalp ist vom Nebel eingehüllt; die Seilbahn taucht lautlos und gespenstisch aus dem Nebel heraus auf. Wir gönnen uns den Luxus und besteigen die Bahn für die Talfahrt. Wir blicken aus der Kabine hinaus in weisses Nichts, bis tief unter uns plötzlich der grüne Talboden sichtbar wird und der Blick frei wird auf eine mächtige Felswand hinter uns. Den restlichen Weg bis nach Engelberg absolvieren wir per Autostopp. Schon nach kurzer Zeit werden wir mitgenommen und beim Bahnhof abgesetzt.