Im präsidialen Twitterfeed von Vladimir Putin spielen Bilder eine zentrale Rolle. Sie kommen sehr oft vor und transportieren immer wieder die gleichen Kernbotschaften. So formen sie kontinuierlich ein Image dieses Mannes. Es liegt auf der Hand, dass diese Bildsprache als gezielt gesteuertes Instrument eingesetzt wird. Unter den vielen Bildern befindet sich jedoch eines, das den Präsidenten an einer militärischen Zeremonie zeigt und eine solch starke Ausdruckskraft hat, das es mich völlig in seinen Bann gezogen hat.

Die Russische Föderation unterhält mehrere, verschiedensprachige Twitterkanäle für den Präsidenten. In den letzten Tagen habe ich sie mehrmals durchforstet und bemerkte schnell, dass die zentralen Bildaussagen im russischsprachigen Kanal besonders zum Ausdruck kommen – zumindest für mich, da ich kein Russisch spreche und die Bildsprache daher das einzige ist, was ich an den Tweets verstehe.

Aus meiner Sicht lassen sich die Bilder in vier Aussage-Kategorien einteilen, die ich hier aufführe und sprachlich illustriere. Der Kremlchef zeigt dabei kaum Emotionen. Oft blickt er ernst drein mit Gesichtszügen, die nicht von Berührung zeugen. Auf keinem einzigen Foto sieht man ihn lachen. Lächeln ja; im Sinne eines Schmunzelns. Aber lachen, so richtig mit Zähne zeigen, so wie es Barack Obama auf fast jedem Foto tut, das sieht man Vladimir Putin nie.

Botschaft 1: Vladimir Putin, der volksnahe Führer

Er redet mit Kindern, lässt sich von einem alten Genossen Fotos in einem Album erklären oder kurvt am Hockeymatch in voller Montur übers Eis: Vladimir Putin ist ein Mann des Volkes. Der enge Kontakt zur Basis gefällt ihm, er fühlt den Puls seines Volkes, nimmt Anliegen und Sorgen ernst und hat keine Berührungsängste.

Botschaft 2: Vladimir Putin, der entschlossene Staatsmann

Die Bildermix transportiert eine zweite Botschaft: Putin ist ein entschlossener Staatsmann. Das zeigt sich in Sujets, in denen er mit Vetreterinnen und Vertretern anderer Staaten am Verhandlungstisch sitzt, seinem Gegenüber mit gewohnt regungsloser Miene in die Augen schaut und konzentriert den Argumenten zu folgen scheint. Er nimmt an internationalen Konferenzen teil und empfängt Staatsgäste, mit denen er über den roten Teppich schreitet und sich händeschüttelnd vor den Landesflaggen für Pressefotos aufstellt.

Man sieht, dieser Präsident ist im stetigen Austausch mit den Nationen der Welt. Er setzt sich ein für die Anliegen seines Landes. Dafür verhandelt er hart und lässt sich nicht über den Tisch ziehen.

Botschaft 3: Vladimir Putin, der männliche Naturbursche

Achtung, hier sollten die Propaganda-Alarmglocken losgehen. Die Bilder aus der Kategorie «der männliche Naturbursche» kratzen an der Decke des Vertretbaren und zeigen den Premierminister, wie er oben ohne im Fluss steht und angelt und stolz seinen Fang stolz mit Sonnenbrille und Survivalhut in die Kamera hält. Oder er gönnt sich an jenem heissen Nachmittag irgendwo in der russischen Wildnis gerade eine Abkühlung und man sieht auf dem Bild, wie er schwimmt und gerade zum nächsten, kräftigen Armzug ansetzt.

Die Bilder lassen es erahnen, dieser Kerl ist mit der Natur verbunden. Man könnte ihn alleine in der Wildnis aussetzen, es würde einem kräftigen Mann seines Kalibers nichts ausmachen. Er weiss genau, welche Pilze ungiftig sind und kennt die Sträucher, aus denen sich leckerer Tee machen lässt.

Hammerbild & Botschaft 4: Vladimir Putin, der ehrenvolle Patriot

Und dann ist es plötzlich da, das eine Bild, das mir einfährt. Ich höre auf durch seinen Feed zu scrollen und blicke wie hypnotisiert in den Bildschirm. Das Bild strahlt so unglaublich viel Kraft aus, das es mich für einen Moment völlig fesselt. Der Präsident steht dort mitten im Regen, in straffer Haltung, den Blick gesenkt, steinern, mit einem Hauch von Trauer im Gesicht. Der Fotograf drückte just in jenem Moment den Auslöser, als ein Regentropfen auf Putin’s rechter Schulter aufschlägt und in kleinen Spritzern in alle richtungen zerstäubt. Es ist der 22. Juni, der Tag der Erinnerung und der Trauer, an dem Russland dem Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges von 1941 bis 1945 gedenkt. In dieser Zeremonie werden gefallene Soldaten geehrt und Vladimir Putin erweist ihnen persönlich die letzte Ehre. Vor ihm verliest ein ranghoher Offizier offizielle Worte, hinter ihm stehen Politiker in Anzügen und Veteranen in Uniformen unter Regenschirmen gedrängt. Man kann das Gewicht dieser Szenerie regelrecht greifen. Das Bild spricht Bände…Es regnet in Strömen, so mancher würde auch hier vorne mit einem Schirm stehen. Nicht aber Putin. Ein Mann seines Formates kümmert sich nicht um das Wetter, ein Mann seines Formates hat verstanden, dass hier vorne das Wetter keine Rolle spielt, dass er hier vorne für eine grössere Sache einsteht, dass er hier vorne für seine Nation einsteht. Nein, es ist sogar mehr als das. Er steht hier vorne im Regen und ehrt diesen gefallenen Soldaten, weil er es von sich selber verlangt, weil seine Wert- und Moralhaltung es von ihm fordern.

Weil dieser gefallene Soldat ein bisschen auch wie sein eigener Sohn gewesen war. So wie jeder Soldat seiner Nation ein bisschen wie sein eigener Sohn ist. Weil auch Vladimir Putin zu jeden Moment bereit wäre, so wie dieser gefallene Soldat, sein Leben für die grosse Nation zu geben.

Es sind erstrebenswerte Charakteristiken, die der Staatschef zeigt. Es sind Wertvorstellungen, nach denen es sich zu leben lohnt. Es liegt auf der Hand, dass in den offiziellen Twitterkanälen diese Werte gezielt und kontinuierlich mittels Bildern vermittelt werden.

Das ist kein neues Phänomen; Bilder werden bereits seit den 1930er Jahren als Mittel der politischen Kommunikation eingesetzt, wie es eine wissenschaftliche Arbeit an der Hochschule Pforzheim belegt hat (Quelle: Hochschule Pforzheim). Und: der Forscher stellt in seiner Untersuchung «erschreckend viele» Parallelen zwischen damals und heute fest.